11 | Waldorf Fachtagung Deutsch vom 5. – 8. 11.2020

Lesarten und Sprechweisen
Von der Macht der Sprache
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Lesen und Schreiben sind neben dem Sprechen seit jeher die Fähigkeiten, die eine Deutschlehrerin, ein Deutschlehrer vermittelt. Mit diesen Fähigkeiten ermächtigen wir die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sich in der Welt zurechtzufinden, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, ihrer Individualität Ausdruck zu verleihen. Macht als Vermögen, den eigenen Willen zu entfalten, ist zunächst eine neutrale Fähigkeit. Welches bestimmende und moralische Wirkungspotential dieser Macht innewohnt, wird jedoch auch im Unterricht schnell deutlich: Texte können zum Weinen, zum Lachen bringen, können tief bewegen, Welten einstürzen lassen. Worte können politisch verheerend wirken, zum Mord an Menschen führen, therapeutisch eingesetzt Wunden heilen, als Fremdsprache neue Welten eröffnen. Deshalb ist es nicht gleichgültig, wie Sachverhalte formuliert werden, wer welche Absicht äußert und in welche Worte man sie fasst.
Inhaltlich wenden wir uns im Unterricht dieser Tatsache in unterschiedlichen Facetten zu. Doch reflektieren wir auch die Verantwortung, die unserer eigenen Lesart, unseren Schreibweisen als Lehrerinnen und Lehrer, zugrunde liegt? „Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen! / Spricht die Seele, so spricht ach! schon die Seele nicht mehr.“ Mit diesem Distichon von 1797 hat Friedrich Schiller die rätselhafte Begrenztheit der Sprache geistreich und radikal zum Ausdruck gebracht. Die Sprachkrise – in Zeiten zusätzlicher Begrenzung durch Digitalisierung und Mundschutz verschärft – muss seither beim Sprechen und Schreiben immer mitgedacht werden. Das ahnen schon unsere Neuntklässler. Mit dem Thema der diesjährigen Tagung wollen wir dieser Frage nachgehen: Wir wollen Sprache in ihrer Wirkungsweise zwischen der aus der Vergangenheit gewachsenen, grammatischen Struktur und der zukunftsoffenen, individuellen Deutung und Gestaltung im schöpferischen Sprachgebrauch reflektieren und praktisch für den Unterricht anwendbar machen. Dabei wendet sich der Blick mehr als sonst auch auf uns selbst. Denn Sprache ist das wichtigste Werkzeug jeder Lehrerin, jedes Lehrers. Zugleich werden wir unseren Schülerinnen und Schülern nur gerecht und schulen auch ihre Sprachmacht, wenn wir in diese Richtung Bewusstsein entwickeln. In diesem Sinne freuen wir uns auf die Begegnungstage in der ländlich-schönen Umgebung des hessischen Schlosses Buchenau. Besonders herzlich möchten wir junge Kolleginnen und Kollegen dazu einladen.
Der Vorbereitungskreis
Holger Grebe, Maren Hancke, Ursula Kaufmann, Ulrike Schmidt, Lukas Schirmer,
Johannes Schneider, Frank Steinwachs, Barbara Walther, Elsbeth Weymann und Martina
Wiemer-Brettreich
Programm:
Donnerstag, 5.11.
18.30 Abendimbiss
20.00 künstlerischer Auftakt mit Johannes Kirchberg, Hamburg
Freitag, 6.11.
9.00 Qigong mit Ralph Fischer, Mainz
anschließend Textarbeit in kleinen Gruppen
10.30 Kaffeepause
11.00 Impulsreferat zum Tagungsthema (Johannes Schneider, Tübingen)
12.30 Mittagspause
Freiraum für Initiativen, Gespräche…
16.00 Seminare
18.30 Abendessen
20.00 Vortrag: Verständnis – Sinnstiftung – Handlungsfähigkeit. Literaturdidaktik als
Werkzeug zur Entwicklungsbegleitung (Frank Steinwachs, Hitzacker)
Samstag, 7.11.
9.00 Qigong, anschließend Textarbeit in kleinen Gruppen
10.30 Kaffeepause
11.00 Vertiefung und Austausch zum Vortrag von Frank Steinwachs
12.30 Mittagspause
Freiraum für Initiativen, Gespräche…
16.30 Seminare
18.30 Abendessen
20.00 Beitrag zum Hölderlin-Jahr (Elsbeth Weymann, Berlin) und Austausch
Sonntag, 8.11.
9.00 Qigong, anschließend Textarbeit in kleinen Gruppen
11.00 kurze Kaffeepause
11.15 Rück- und Vorblick
Ende gegen 12 Uhr
Erläuterungen zu den Seminaren am Nachmittag:
„Im Atemhaus wohnen“ (Rose Ausländer) – Unsere Sprache zwischen fest und flüssig
(Elsbeth Weymann, Holger Grebe)
In den Monaten der Covid19-Pandemie, die vor allem unsere Lunge betrifft, ist Atemnot
zum Zeitsymptom geworden. In den Corona-Maßnahmen des Isolierens und der
Mundschutzpflicht hat sie auch die soziale Ebene ergriffen. Steiner spricht schon 1919 zu den
ersten Waldorflehrern davon, dass sie die Kinder lehren müssten, richtig zu „atmen“. Man ahnt,
dass hier etwas angesprochen ist, das über Methodenwechsel im Unterricht weit hinausgeht. Für
den Deutschunterricht könnte die Mission darin bestehen, die Sprache hinter ihrer grammatischen
Regelhaftigkeit als sich entwickelndes Wesen und Atem-Raum neu zu entdecken.
Seminaraspekte sind:
Die Entwicklung der Grammatik seit den „artes liberales“
Zur Qualität der Wortarten. Betrachtungen und konkrete Anregungen für den Unterricht.
Sprache und Atem in Texten, u.a. bei Rose Ausländer und Paul Celan
Von der Poetik-Epoche zum „Faust“: Zur eigenen Sprache finden – Aufgabenstellungen
erschließen (Ursula Kaufmann, Lukas Schirmer, Ulrike Schmidt)
Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“// Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort? //
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, // Ich muß es anders übersetzen, // Wenn ich vom
Geiste recht erleuchtet bin. (Faust I, V. 1224 -1228)
Die poetische Sprache eröffnet viele Räume für Schüler*innen und Lehrende, sich intensiv mit
Sprache und ihrer Oberfläche sowie ihrem tiefen Urgrund zu beschäftigen; wahrnehmend,
schreibend und sprechend sowie erspürend und erschließend. Sprache ist hierbei Ausdruck tiefer
Individualität, der Suche nach Wahrheit und der Hoffnung auf Verständigung. Mit Übungen und
Gesprächen möchten wir uns auf den Weg von der Poetikepoche bis zum „Faust“ machen: Auf der
Suche nach dem Wort.
Lesarten und Sprechweisen – Methodisch-didaktische Reflexionen (Johannes Schneider,
Barbara Walther, Martina Wiemer-Brettreich)
Ist es gleichgültig, in welcher Art wir unseren Schülern, pardon, Schülerinnen und Schülern – oder
heute ganz korrekt: Schüler*innen, die Inhalte unseres Unterrichts vermitteln? Der Gegenstand
ändert sich doch nicht, egal, wie ich ihn als Lehrkraft darstelle. – Dass dies nicht stimmt, ist
goetheanistisches Grundwissen: Subjektivität ist aus dem Erkenntnisvorgang nicht nur nicht
wegzudenken, sondern sollte vielmehr methodisch berücksichtigt und ihr Zugang zur Welt
bewusst gestaltet werden, weil sich der Gegenstand dadurch in anderem Licht zeigt – ein anderer
wird. Vor diesem Hintergrund wollen wir in diesem Seminar nicht so sehr das Was, den Inhalt,
betrachten, sondern mehr das Wie, die Methoden und didaktischen Zugangs- und
Darstellungsweisen reflektieren, ausprobieren und unsere Erfahrungen teilen – also das
Alltagsgeschäft unseres Unterrichts. Ganz konkret soll es auf der Grundlage des Anfangsvortrags
(„Macht der Sprache“) beispielsweise um Fragen gehen wie:
– Wie lese ich selbst Texte? Reflektiere ich meine Lesevoraussetzungen?
– Welchen Zugang (‚Lesebrille‘) wähle ich für welchen Text und warum?
– Welche Verstehens(spiel)räume biete ich an? Welche entstehen?
– Welche Rolle spielt die Resonanz mit den Schülern in der Unterrichtssituation (speziell unter
Corona-Bedingungen)?
– Welche Erfahrungen gibt es mit unterschiedlichen Lesarten und Sprechweisen?
Organisatorisches:
Tagungsort: Schloss Buchenau, Hermann-Lietz-Straße 13, 36132 Eiterfeld-Buchenau
Anmeldung/Abmeldung über den auf der Website von Schloss Buchenau eingerichteten
Link zu unserer Tagung: http://waldorf.schloss-buchenau.de
Auf dem Anmeldeformular bitte vermerken, ob Sie vegetarisches/veganes Essen
wünschen.
Bitte nicht dort anrufen, das Büro ist nicht regelmäßig besetzt. Die Registrierung läuft über
den Link, über den Sie alle weiteren Informationen zum Tagungsort, zur Unterbringung,
Verpflegung und Anreise finden. Der nächst gelegene Bahnhof ist Bad Hersfeld, von dort
mit Bus (fährt selten) oder Taxi (ca. 25€) zum Tagungsort. Bitte notieren Sie auf dem
Anmeldeformular, ob Sie mit Auto oder Bahn anreisen und ob Sie eine Mitfahrgelegenheit
anbieten oder suchen. Wir werden uns dann um eine Vermittlung bemühen. Erst nach
Anmeldeschluss (1.11.) erhalten alle, die sich angemeldet haben, eine Bestätigung.
Alle weiteren Anfragen richten Sie bitte an Barbara Walther über
barbarawalther@posteo.de
Tagungsgebühr: 100 €; bitte vor Ort in bar bezahlen