11 | Waldorf Fachtagung Deutsch vom 04. – 07. 11.2021

Lesen und Schreiben sind neben dem Sprechen seit jeher die Fähigkeiten, die eine Deutschlehrerin, ein Deutschlehrer vermittelt. Mit diesen Fähigkeiten ermächtigen wir die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sich in der Welt zurechtzufinden, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, ihrer Individualität Ausdruck zu verleihen. Macht als Vermögen, den eigenen Willen zu entfalten, ist zunächst eine neutrale Fähigkeit. Welches bestimmende und moralische Wirkungspotential dieser Macht innewohnt, wird jedoch auch im Unterricht schnell deutlich: Texte können zum Weinen, zum Lachen bringen, können tief bewegen, Welten einstürzen lassen. Worte können politisch verheerend wirken, zum Mord an Menschen führen, therapeutisch eingesetzt Wunden heilen, als Fremdsprache neue Welten eröffnen. Deshalb ist es nicht gleichgültig, wie Sachverhalte formuliert werden, wer welche Absicht äußert, in welche Worte man sie fasst und ob man sich überhaupt zu Wort kommen lässt.

Inhaltlich wenden wir uns im Unterricht dieser Tatsache in unterschiedlichen Facetten zu. Doch reflektieren wir auch die Verantwortung, die unserer eigenen Lesart, unseren Schreibweisen als Lehrerinnen und Lehrern zugrunde liegt? „Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen! / Spricht die Seele, so spricht ach! schon die Seele nicht mehr.“ Mit diesem Distichon von 1797 hat Friedrich Schiller die rätselhafte Begrenztheit der Sprache geistreich und radikal zum Ausdruck gebracht. Die Sprachkrise – in Zeiten zusätzlicher Begrenzung durch Digitalisierung und Mundschutz verschärft – muss seither beim Sprechen und Schreiben immer mitgedacht werden. Aktuelle Phänomene wie z. B. der Streit um Begriffe oder die so genannte „cancel culture“ stellen an uns diese Frage drängender denn je. Das ahnen schon unsere Neuntklässler.

Mit dem Thema der diesjährigen Tagung wollen wir dieser Frage nachgehen: Wir wollen Sprache in ihrer Wirkungsweise zwischen der aus der Vergangenheit gewachsenen, grammatischen Struktur und der zukunftsoffenen, individuellen Deutung und Gestaltung im schöpferischen Sprachgebrauch reflektieren und praktisch für den Unterricht anwendbar machen. Dabei wendet sich der Blick mehr als sonst auch auf uns selbst. Denn Sprache ist das wichtigste Werkzeug jeder Lehrerin, jedes Lehrers. Zugleich werden wir unseren Schülerinnen und Schülern nur gerecht und schulen auch ihre Sprachmacht, wenn wir in diese Richtung Bewusstsein entwickeln und damit auch ihre Urteilskraft stärken.

In diesem Sinne freuen wir uns auf die Begegnungstage in der ländlich-schönen Umgebung des hessischen Schlosses Buchenau. Besonders herzlich möchten wir junge Kolleginnen und Kollegen dazu einladen.

Der Vorbereitungskreis 
Holger Grebe, Maren Hancke, Ursula Kaufmann, Ulrike Schmidt, Lukas Schirmer, Johannes Schneider, Frank Steinwachs, Barbara Walther, Elsbeth Weymann und Martina Wiemer-Brettreich

Programm:
Donnerstag, 4.11.
18.30 Abendimbiss
20.00 Impulsreferat zum Tagungsthema (Johannes Schneider, Tübingen)
Freitag, 5.11.
9.00 künstlerisch-bewegter Auftakt, anschließend Textarbeit in kleinen Gruppen
10.30 Kaffeepause
11.00 Vortrag: Verständnis – Sinnstiftung – Handlungsfähigkeit. Literaturdidaktik als Werkzeug zur Entwicklungsbegleitung (Frank Steinwachs, Hitzacker)
12.30 Mittagspause
Freiraum für Initiativen, Gespräche…
16.00 Seminare
18.30 Abendessen
20.00 SprachProjekt „atmen.schöpfen.stehen“- Texte von der Genesis bis heute Sprecherinnen: Beate Krützkamp. Marija Ptok. Elsbeth Weymann
Samstag, 6.11.
9.00 künstlerisch-bewegter Auftakt, anschließend Textarbeit in kleinen Gruppen
10.30 Kaffeepause
11.00 Vertiefung und Austausch zum Vortrag von Frank Steinwachs
12.30 Mittagspause
Freiraum für Initiativen, Gespräche…
16.30 Seminare
18.30 Abendessen
20.00 Plenum: Austausch über die Seminare, Projekte, Bücher und offene Fragen
Sonntag, 7.11.
9.00 künstlerisch-bewegter Auftakt, anschließend Textarbeit in kleinen Gruppen
11.00 kurze Kaffeepause
11.15 Rück- und Vorblick
Ende gegen 12 Uhr


    Erläuterungen zu den Seminaren am Nachmittag:
    „Im Atemhaus wohnen“ (Rose Ausländer) – Unsere Sprache zwischen fest und flüssig (Elsbeth Weymann, Holger Grebe)

    In den Monaten der Covid19-Pandemie, die vor allem unsere Lunge betrifft, ist Atemnot zum Zeitsymptom geworden. In den Corona-Maßnahmen des Isolierens und der Mundschutzpflicht hat sie auch die soziale Ebene ergriffen. Steiner spricht schon 1919 zu den ersten Waldorflehrern davon, dass sie die Kinder lehren müssten, richtig zu „atmen“. Man ahnt, dass hier etwas angesprochen ist, das über Methodenwechsel im Unterricht weit hinausgeht. Für den Deutschunterricht könnte die Mission darin bestehen, die Sprache hinter ihrer grammatischen Regelhaftigkeit als sich entwickelndes Wesen und Atem-Raum neu zu entdecken.

    Seminaraspekte sind:

    Die Entwicklung der Grammatik seit den „artes liberales“ Zur Qualität der Wortarten. Betrachtungen und konkrete Anregungen für den Unterricht. Sprache und Atem in Texten, u.a. bei Rose Ausländer und Paul Celan 

    Von der Poetik-Epoche zum „Faust“: Zur eigenen Sprache finden (Ursula Kaufmann, Lukas Schirmer, Ulrike Schmidt)

    Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“// Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort? // Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, // Ich muß es  anders übersetzen, // Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. (Faust I, V. 1224 -1228)

    Die poetische Sprache eröffnet viele Räume für Schüler*innen und Lehrende, sich intensiv mit Sprache und ihrer Oberfläche sowie ihrem tiefen Urgrund zu  beschäftigen; wahrnehmend, schreibend und sprechend sowie erspürend und erschließend. Sprache ist hierbei Ausdruck tiefer Individualität, der Suche nach Wahrheit und der Hoffnung auf Verständigung. Mit Übungen und Gesprächen möchten wir uns auf den Weg von der Poetikepoche bis zum „Faust“ machen: Auf der Suche nach dem Wort.

    Lesarten und Sprechweisen – Methodisch-didaktische Reflexionen (Johannes Schneider,

    Barbara Walther, Martina Wiemer-Brettreich)

    Ist es gleichgültig, in welcher Art wir unseren Schülern, pardon, Schülerinnen und Schülern – oder heute ganz korrekt: Schüler*innen, die Inhalte unseres Unterrichts vermitteln? Der Gegenstand ändert sich doch nicht, egal, wie ich ihn als Lehrkraft darstelle. – Dass dies nicht stimmt, ist goetheanistisches Grundwissen: Subjektivität ist aus dem Erkenntnisvorgang nicht nur nicht wegzudenken, sondern sollte vielmehr methodisch berücksichtigt und ihr Zugang zur Welt bewusst gestaltet werden, weil sich der Gegenstand dadurch in anderem Licht zeigt – ein anderer wird. Vor diesem Hintergrund wollen wir in diesem Seminar nicht so sehr das Was, den Inhalt, betrachten, sondern mehr das Wie, die Methoden und didaktischen Zugangs- und Darstellungsweisen reflektieren, ausprobieren und unsere Erfahrungen teilen – also das Alltagsgeschäft unseres Unterrichts. Ganz konkret soll es auf der Grundlage des Anfangsvortrags („Macht der Sprache“) beispielsweise um Fragen gehen wie:

    • Wie lese ich selbst Texte? Reflektiere ich meine Lesevoraussetzungen?

    • Welchen Zugang („Lesebrille“) wähle ich für welchen Text und warum?

    • Welche Verstehens(spiel)räume biete ich an? Welche entstehen?

    • Welche Rolle spielt die Resonanz mit den Schülern in der Unterrichtssituation (speziell unter Corona-Bedingungen)?

    • Welche Erfahrungen gibt es mit unterschiedlichen Lesarten und Sprechweisen?

    Zu dem Projekt „atmen. schöpfen. stehen“ am Freitagabend schreibt Elsbeth Weymann:

    Winter. Corona. Lockdown. Aus dem Hebräischen hatte ich die Sieben Schöpfungstage der Genesis neu übersetzt.

    Eine Auftragsarbeit. Dies zeigte ich zwei befreundeten Sprecherinnen.

    Eine Idee wurde geboren – Texte verschiedenster Richtungen und Zeiten hinzuzufügen, miteinander ins Gespräch zu bringen.

    In zahlreichen Treffen – beim Lesen, Hören, Annehmen, Verwerfen und Neusuchen entstand eine Collage, die sich in die drei Themen „ atmen. schöpfen. stehen“ gliederte. Stehen mit innerem Licht, um bestehen zu können.

    Texte von:

    Meister Eckhart, Paul Celan, Rose Ausländer, Hilde Domin, Botho Strauß, Reiner Kunze, Vanessa

    Vu, Beuys, Marica Bodrozic

    Die Sprachen:

    Deutsch, Mittelhochdeutsch, Hebräisch

    Sprecherinnen:

    Beate Krützkamp. Marija Ptok. Elsbeth Weymann

    Organisatorisches:

    Tagungsort: Schloss Buchenau, Hermann-Lietz-Straße 13, 36132 Eiterfeld-Buchenau

    Anmeldung/Abmeldung über den auf der Website von Schloss Buchenau eingerichteten Link zu unserer Tagung: https://www.schloss-buchenau.de/waldorfdeutsch/

    Auf dem Anmeldeformular bitte vermerken, ob Sie vegetarisches/veganes Essen wünschen.

    Bitte nicht dort anrufen, das Büro ist nicht regelmäßig besetzt. Die Registrierung läuft über den Link, über den Sie alle weiteren Informationen zum Tagungsort, zur Unterbringung, Verpflegung und Anreise finden. Der nächst gelegene Bahnhof ist Bad Hersfeld, von dort mit Bus (fährt selten) oder Taxi (ca. 25€) zum Tagungsort. Bitte notieren Sie auf dem Anmeldeformular, ob Sie mit Auto oder Bahn anreisen und ob Sie eine Mitfahrgelegenheit anbieten oder suchen. Wir werden uns dann um eine Vermittlung bemühen. Erst nach Anmeldeschluss (1.11.) erhalten alle, die sich angemeldet haben, eine Bestätigung.

    Alle weiteren Anfragen richten Sie bitte an Barbara Walther über barbarawalther@posteo.de

    Tagungsgebühr: 100 €; bitte vor Ort in bar bezahlen